Zwischen Kulturen: Modern Work und implizite Erwartungen

Wenn ich unterwegs arbeite, werde ich sehr häufig gefragt, ob das überhaupt zuverlässig funktioniert. Die erste Frage ist fast immer: „Hast du dort auch immer Internet?“

Diese Frage ist berechtigt, greift aus meiner Sicht aber zu kurz. Entscheidend ist nicht nur, ob Internet vorhanden ist, sondern wie zuverlässig und stabil die Arbeitsbedingungen insgesamt sind und wie bewusst man diese auswählt.

Internet als zentrales Auswahlkriterium

Bei der Auswahl meiner Unterkünfte spielt Internet die wichtigste Rolle. Ich entscheide mich nicht primär für eine Unterkunft, weil sie besonders schön ist oder eine gute Lage hat, sondern zuerst danach, ob ich dort zuverlässig arbeiten kann.

Die Angabe „WLAN vorhanden“ hat für mich kaum Aussagekraft, weil sie nichts darüber sagt, wie stabil oder schnell die Verbindung tatsächlich ist. Deshalb prüfe ich mehrere Indikatoren.

Ich achte darauf, dass ein Smart-TV in der Ausstattung aufgeführt ist, weil das in der Regel bedeutet, dass Streaming ohne Probleme funktioniert. Zusätzlich lese ich die Rezensionen sehr genau und suche gezielt nach Hinweisen zur Internetqualität. Wenn mehrere Gäste berichten, dass Streaming stabil läuft oder sie problemlos arbeiten konnten, ist das für mich deutlich aussagekräftiger als jede technische Angabe.

Wenn Netflix stabil läuft, kann ich davon ausgehen, dass auch Video-Calls, Screen-Sharing und größere Downloads funktionieren. Das ist für mich ein einfacher und zugleich verlässlicher Indikator.

Smart-TV auf einer Kommode mit Tamaras Profil und dem Vorschlag "The Good Doctor"

Auch wenn mir die Frage nach dem Internet besonders häufig gestellt wird, steckt dahinter oft noch eine zweite Frage, die selten ausgesprochen wird:

Funktioniert Arbeiten aus Südamerika wirklich genauso zuverlässig wie von Deutschland aus?

Genau darin liegen für mich die eigentlichen impliziten Erwartungen. Nicht nur die technische Frage nach dem WLAN, sondern die Erwartung, dass Meetings funktionieren, dass ich erreichbar bin und dass meine Arbeit genauso verlässlich bleibt wie zuvor.

Eigene Erwartungshaltung

Ein wichtiger Punkt ist für mich die eigene Erwartungshaltung. Ich verlasse mich nicht darauf, dass es schon funktionieren wird, sondern gehe davon aus, dass ich unter stabilen Bedingungen arbeiten muss und diese selbst sicherstelle.

In der Praxis hat sich das bestätigt. In den letzten Monaten war meine Internetverbindung in Lateinamerika durchgehend stabil und ich habe deutlich weniger Probleme erlebt als einige Kolleg:innen in Deutschland, bei denen Verbindungen abgebrochen sind oder Meetings gestört wurden.

Es gab genau eine Situation, in der mein Internet während der Arbeitszeit ausgefallen ist. Ursache war ein Bagger, der eine Leitung beschädigt hat. Ich war mitten im Meeting, die Verbindung war plötzlich weg und ich hatte nur ein paar Sekunden Zeit zu reagieren. In diesem Moment bin ich sofort auf mein Handy ausgewichen und habe das Meeting darüber weitergeführt. Solche Situationen lassen sich nicht vollständig vermeiden, aber ich kann mich darauf vorbereiten.

Eine andere Situation hatte ich vor Kurzem am Wochenende. In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat es ganz in der Nähe gebrannt. Eine Fabrik für Billardtische stand in Flammen und es waren über Stunden hinweg mehr als 30 Feuerwehrautos im Einsatz. Vorsichtshalber wurde im gesamten Wohnblock der Strom abgeschaltet.

Als am Sonntagmittag der Strom und damit auch das WLAN noch immer nicht wieder verfügbar waren, habe ich parallel mehrere Maßnahmen vorbereitet. Ich habe gezielt nach Cafés gesucht, die montags früh öffnen und sowohl WLAN als auch Steckdosen anbieten. Gleichzeitig habe ich mein Team informiert, dass es sein kann, dass ich am Montag etwas später starte, weil viele Cafés erst um 6:30 Uhr oder später öffnen. Zusätzlich habe ich unseren Host kontaktiert, um einzuschätzen, wie lange der Stromausfall voraussichtlich andauert. Ganz pragmatisch habe ich außerdem begonnen, die empfindlichsten gekühlten Lebensmittel aufzubrauchen.

Am Sonntagabend war der Strom wieder da und ich konnte am Montag wie geplant arbeiten. Der Rauch war noch einige Tage in der Umgebung präsent und hat mich immer wieder an diese Situation erinnert.

Ich habe eine hohe Erwartungshaltung an mich selbst und auch jetzt nach einiger Zeit unterwegs ist es mir wichtig, dass ich nicht durch eine dauerhaft schlechte Internetqualität auffalle.

Vorbereitung bei Ortswechseln

Bei einem Umzug gehe ich bewusst strukturiert vor und plane dafür Zeit ein. Ich nehme mir in der Regel mindestens zwei Tage Urlaub, um die technischen Voraussetzungen vor Ort zu prüfen, bevor ich wieder vollständig in den Arbeitsalltag einsteige.

In dieser Zeit teste ich die Internetverbindung unter realen Bedingungen, führe Video-Calls durch, prüfe die Stabilität und achte darauf, ob es zu Schwankungen kommt. Falls nötig, besorge ich zusätzliche Ausstattung wie ein LAN-Kabel oder ein Verlängerungskabel, um meine Arbeitsumgebung anzupassen.

Parallel dazu verschaffe ich mir einen Überblick über Alternativen in der Umgebung. Dazu gehören Coworking-Spaces, Cafés oder Hotels, in denen ich im Notfall arbeiten kann. Wichtig ist mir dabei, dass diese Optionen schnell erreichbar sind und nicht erst aufwendig gesucht werden müssen, wenn ein Problem auftritt.

Diese Vorbereitung sorgt dafür, dass ich im Alltag deutlich entspannter arbeite.

Remote-Arbeit ist planbar

Remote-Arbeit wird oft so dargestellt, als wäre sie stark von äußeren Umständen abhängig und man müsse ein gewisses Maß an Unsicherheit akzeptieren. Meine Erfahrung ist eine andere.

Wenn ich bewusst auswähle, wo ich arbeite, kann ich die Rahmenbedingungen sehr gut steuern. Das betrifft nicht nur das Internet, sondern auch die Umgebung, die Ausstattung und die allgemeine Arbeitsqualität.

Ich nehme mir vor der Buchung die Zeit, verschiedene Optionen zu vergleichen, Rezensionen zu lesen und die Ausstattung genau zu prüfen. Diese Vorbereitung zahlt sich im Alltag aus, weil ich dadurch unter Bedingungen arbeite, die stabil und verlässlich sind.

Arbeiten wie zu Hause

Meine Arbeitsweise hat sich durch das Reisen nicht grundlegend verändert. Ich arbeite so gut wie nie aus Coworking-Spaces oder Cafés, sondern fast ausschließlich aus meiner Unterkunft, genau wie ich es auch in Deutschland gemacht habe.

Das hat mehrere Gründe. Ich brauche eine ruhige Umgebung, in der ich mich konzentrieren kann, stabile Verbindungen für Meetings und die Sicherheit, dass ich nicht durch äußere Faktoren gestört werde.

Coworking-Spaces oder Cafés können für bestimmte Situationen sinnvoll sein, spielen für meine tägliche Arbeit aber kaum eine Rolle. Eine gut gewählte Unterkunft bietet mir deutlich bessere Bedingungen.

Der Unterschied liegt für mich daher nicht in der Art, wie ich arbeite, sondern ausschließlich im Ort.

Implizite Erwartungen im Team

Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang oft unterschätzt wird, sind implizite Erwartungen. Nur weil ich nicht im Büro sitze, verändern sich diese Erwartungen nicht, sondern werden teilweise sogar strenger.

Von mir wird erwartet, dass ich in Meetings zuverlässig erreichbar bin, dass meine Verbindung stabil ist und dass meine Arbeit ohne Unterbrechungen weiterläuft. Diese Erwartungen werden selten ausdrücklich formuliert, sind aber im Alltag sehr präsent.

Ich nehme diese Erwartungen sehr bewusst wahr und richte meine Arbeitsweise danach aus. Für mich ist klar, dass ich diese Anforderungen erfüllen muss, unabhängig davon, wo ich mich gerade befinde.

Verantwortung für die eigenen Rahmenbedingungen

Daraus ergibt sich für mich eine klare Haltung: Die Verantwortung für meine Arbeitsfähigkeit liegt vollständig bei mir selbst.

Ich kann mich nicht darauf berufen, dass ich unterwegs bin oder dass die Infrastruktur vor Ort nicht optimal ist. Wenn ich arbeite, muss ich sicherstellen, dass ich arbeiten kann.

Das betrifft das Internet genauso wie die Arbeitsumgebung und meine Erreichbarkeit. Ich plane diese Aspekte bewusst ein und sorge dafür, dass ich jederzeit handlungsfähig bin.

Wahrnehmung und Realität

In vielen Gesprächen erlebe ich, dass Remote-Arbeit aus dem Ausland als weniger stabil wahrgenommen wird als Arbeit aus Deutschland. Diese Wahrnehmung deckt sich nicht mit meiner Erfahrung.

Die Stabilität hängt weniger vom Land ab als von der Vorbereitung. Wer sich darauf verlässt, dass es schon funktionieren wird, wird häufiger Probleme haben. Wer bewusst auswählt und prüft, unter welchen Bedingungen er arbeitet, kann sehr stabile und verlässliche Arbeitsumgebungen schaffen.

Fazit

Für mich funktioniert Remote-Arbeit unterwegs genauso zuverlässig wie Arbeit von zu Hause in Deutschland. In vielen Situationen habe ich sogar stabilere Bedingungen erlebt.

Der entscheidende Faktor ist die Vorbereitung und die eigene Haltung gegenüber der Arbeit. Ich stelle sicher, dass die Rahmenbedingungen stimmen und nehme die Erwartungen an meine Arbeitsfähigkeit ernst.

So kann ich ortsunabhängig arbeiten, ohne dass sich an der Qualität meiner Arbeit etwas ändert.

Die technische Seite ist dabei allerdings nur ein Teil der Geschichte. Eine andere wichtige Frage war für mich, ob und wie ich Teil eines Teams bleibe, wenn zwischen Wohnort und Kolleg:innen mehrere Zeitzonen liegen.

Genau darüber schreibe ich im nächsten Artikel.

Austausch

Mich interessiert, wie ihr das handhabt:

Welche Rolle spielt Internet für euch bei Remote-Arbeit?

Wie geht ihr mit den Erwartungen im Team um?

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